Univ.-Prof. Dr. Władysław S. Kucharski

Marii Skłodowska Universität Lublin

 

POLNISCHE ORGANISATIONEN IN WIEN IM 19.

UND 20.  JAHRHUNDERT (Fragmente)

 

Ich möchte jetzt die Tätigkeit der wohl ältesten und meistverdienten Organisation der in Wien lebenden Polen besprechen, nämlich des Verbandes der Polen in Österreich „Strzecha“, der sich weiterhin erfreulich entwickelt.  Der Verband der Polen in Österreich „Strzecha“ wurde im November 1894 unter dem Protektorat des Grafen August Łoś gegründet.  Der Name des Verbandes hat eine symbolische Bedeutung.  Das Wort „Strzecha“ weckt in den Herzen der Polen Erinnerungen an Heimatort und Tradition der heimatlichen Gastfreundlichkeit.  In der Anfangszeiten der Tätigkeit vereinigte der Verband vor allem die hohen polnischen Beamten, die im Dienste des habsburgischen Staates standen, die Eigentümer der Wiener Industrie-, Handwerker- und Dienstleistungsbetriebe sowie Künstler und Ärzte.  Zu den Programmaufgaben des Verbandes gehörten, sowohl in der Vergangenheit als auch heute noch, die Stärkung des organisatorischen Zusammenhaltes der Polen und der in Österreich ansässigen Personen polnischer Abstammung, Traditions- und Pflege der Traditionen, Bräuche und Sitten, Verbreitung der Nationalkultur, das Unterrichten und die Vertiefung der Kenntnisse der polnischen Sprache und die Entwicklung der freundschaftlichen polnisch - österreichischen Beziehung.

Schon von Anfang an legte „Strzecha“ besonderen Wert auf die Entwicklung des Kultur- und Bildungslebens.  In seinem Schoße wurde in Jahre 1905 auf Initiative von Stanisław Fałat ein literarischer Kreis gegründet, der durch ein paar Jahre interessante Vorträge mit künstlerischem Teil unter dem Titel „Żywy Dziennik“ („Das lebende Tagebuch“) organisierte.  Die „Strzecha“ - Mitglieder waren unermüdliche Befürworter des Vorhabens - entstandenen in den 80-er Jahren des 19. Jahrhunderts - eine Bildungsinstitution unter dem Namen „Dom Polski“ („Das Polnische Haus“) in der Hauptstadt Österreichs zu errichten. („Dom Polski“ in der Boerhaavegasse 25 in Wien kauften die Polen im Jahre 1908).  In diesem Gebäude befinden sich heutzutage das Wissenschaftliche Zentrum der Polnischen Akademie der Wissenschaft (PAN), „Strzecha“, und  Forum - Arbeitsgemeinschaft  Polnischer Organisationen.

Ein neues Kapitel in der Geschichte von „Strzecha“ waren die Jahre des ersten Weltkrieges.  Die Last der Pflichten, die die polnischen Verbände und Organisationen in Österreich zu bewältigen hatten, war groß.  In den Kriegsjahren kam eine Einwanderungswelle von zweihunderttausend Personen aus Galizien und Bukowina nach Wien; für sie öffnete „Strzecha“ seine Pforten weit, womit er zu einem den wichtigsten Zentren im Sozial-, Kultur-, Bildungs- und Nationalleben wurde.

Nach dem Ende des erstenWeltkrieges und der Wiedergewinnung der Unabhängigkeit durch Polen kehrten Scharen von Menschen nach Hause zurück u.a. auch Beamte und Offiziere, die hohe Ämter im österreichischen Staat bekleideten.

Auf Initiative des Journalisten Mieczysław Lisowski wurde „,Żywy Dziennik“ anfangs der 20-er Jahre aufs Neue aktiviert, was den „Strzecha“ - Mitgliedern ausführliche Informationen über die neuesten Fragen des polnischen und internationalen Lebens brachte.

Heutzutage konzentriert sich „Strzecha“ auf die Fortsetzung seiner Traditionen und die Bereicherung mit neuen Inhalten seiner sozial-kulturellen Tätigkeit.  „Strzecha“ wirkt als Mitveranstalter von Auftritten polnischer Künstlergruppen und von Bildungsveranstaltungen.  Der Verein fördert die polnische Literatur, veranstaltet Treffen polnisch-österreichischer Mischehepaare und die Feierlichkeiten anlässlich der historischen Jahrestage sowie der polnischen und österreichischen Nationalfeiertage.  Zur Aufgabe der heutigen „Strzecha“ gehört auch die Pflege der nationalen Gedenkstätten.

Die Verbandsmitglieder pflegen zwar enge Kontakte zu verschiedenen Organisationen und Institutionen in Polen, bleiben jedoch dem österreichischen Staat stets loyal gegenüber.

Die vielseitige Tätigkeit von „Strzecha“ bewirkt, dass sich der Verband innerhalb der in Österreich ansässigen polnischen Volksgruppe, aber auch in den lokalen Kreisen der Gesellschaft nicht ohne Grund großen Ansehens erfreut.

Bearbeitung: Barbara Husslik

 

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© Strzecha - Verband der Polen in Österreich